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Es erscheint mir wichtig, zum Abschluss unserer Betrachtungen einmal dem seelisch-geistigen Vorgang nachzuspüren, der zur Lösung einer bestimmten tonsetzerischen Aufgabe führt, nehmen wir an zur Erstellung eines mehrstimmigen Choralsatzes. Wie kommt es also zum Einfall, zur „Idee", zum „Einstieg” in die Aufgabe? Wo und wie fasse ich sie an? Das erste ist: engster Kontakt mit Ton und Wort des Liedes! Es genügt nicht, dass ich mich theoretisch mit dem Cantus firmus beschäftige, ihn vielleicht analysiere nach Tonalität, linearer und harmonischer Entwicklung, nach Rhythmik und formalem Bau. Es genügt auch nicht, dass ich mir den Gedankengang, die sprachliche Gesamt- und Einzelgestaltung des Textes ansehe. Das alles ist nötig. Aber fast noch wichtiger ist es, das Lied immer wieder – innerlich singend – in Herz und Sinn zu bewegen, immer wieder liebevoll dem ganzheitlichen Wesen des Liedes in allen Strophen nachzuspüren. Zu dieser inneren Einstellung auf die „Eigenwelle" des zu bearbeitenden Liedes tritt die bewusste und positive Einstellung zum Zweck der Bearbeitung, was wiederum nicht nur ein verstandesmäßiger Akt der Registrierung ist, sondern ein innerliches Sichhinwenden zum gottesdienstlichen Geschehen, für das der Choralsatz bestimmt ist, zu den Menschen, die – mir bekannt oder unbekannt – ihn singen oder hörend miterleben sollen.

Während sich mein Denken und Fühlen mit diesen Gegebenheiten beschäftigt, tastet mein „Musiksinn", um es einmal so zu nennen, im Unbewussten bereits die Möglichkeiten ab, wie die Aufgabe zu lösen sei. Das führt dahin, dass ich plötzlich ein winziges Stück des gesuchten Tonsatzes „habe", vielleicht den Anfangstakt oder zwei Anfangstakte, vielleicht gar nicht einmal zum Text der ersten, sondern einer anderen charakteristischen Strophe; vielleicht habe ich auch plötzlich, etwa von der sprachlichen Deklamation des Textes oder seinem Inhalt her, eine zwingende rhythmische Vorstellung von der oder den Gegenstimmen zum Cantus firmus; vielleicht besteht der Einfall auch nur in einer noch unklaren Vorstellung davon, wie der Gesamtverlauf der Gegenstimme sein soll in ihrem Auf und Ab.

Wie gesagt: Dieses Suchen kann sich im Unbewussten vollziehen, sodass erst seine Ergebnisse in mein Bewusstsein treten. Ich kann aber auch nachhelfen durch bewusstes Ins-Auge-Fassen verschiedener Schemata einer Lösung, kann gewissermaßen die Modelle mir geläufiger Satztypen der Eigenform des zu bearbeitenden Liedes „anprobieren", bis ich merke, dass eines „passt“ oder passend zu machen ist. Auch bei dieser mehr auswählenden Tätigkeit muss aber einmal der Punkt eintreten, wo „der Groschen fällt", wo ich die Gewissheit gewinne: So geht's, dies ist der richtige Weg! Der Schritt vom so oder so gewonnenen Einfall zur Ausführung des Satzes ist dann nicht mehr weit. Hier dominiert das „Handwerk". Es geht in dieser Phase darum, das mit dem Einfall gewonnene Baugesetz zu erkennen und konsequent, aber nicht „stur", durchzuführen. Wo das nicht gehen will, muss ich mich um eine andere Lösung, um einen anderen Einfall bemühen. Diese handwerkliche Ausarbeitung kann jedoch, auch bei einer guten Satz-Idee, dann nicht eine überzeugende Gestaltung zeitigen, wenn der Tonsetzer nicht immer wieder still und gehorsam hineinhorcht in den Cantus firmus, in das verborgene Leben der Worte und Gedanken, und nun aber auch in den Gestaltungseinfall, der ihm geworden ist. Nur so, aus einem Ineinanderwirken von zupackendem Gestalten und Meditation, kann das Ganze organisch wachsen.