Furchtbarer trifft kein Urteil Gottes als dies: Du hast den Namen, dass du lebest – und bist tot. Verglühtes Feuer, erstarrtes Leben! Niemand kann sagen, dass er vor der Erstarrung sicher sei. In jedem Glaubensleben, sei es das eines einzelnen oder einer Gemeinde, kommt die Stunde, da das Feuer zu erlöschen droht.

 

In einer Zeit, da die Kirche immer mehr zu einer Pastorenkirche wurde, in der das innere Leben der Gemeinden darniederlag, tat der „Jugendbund für entschiedenes Christentum“ seinen Dienst. Es war ein Bund von Menschen, die ein gemeinsamer Auftrag zu gemeinsamem Kampf zusammengeführt hatte. Der Auftrag hieß: Sage deinen Jugendgenossen das Wort Gottes so, dass sie es hören müssen.[1] Es lag Segen auf diesem Werk.

Dann kam der Krieg und brachte eine neue Zeit. In dieser Zeit wurden wir Jungen groß. Als ein anderes Geschlecht standen wir zwischen der älteren Generation und der neuen Zeit, zwischen dem überkommenen Erbe und der Not der Gegenwart. Mehr und mehr kam uns zum Bewusstsein: das stürmische, nach außen drängende Leben der ersten Zeit des Bundes hatte weithin der frommen Form, der Gewöhnung Platz gemacht. Das Erbe war weithin nur übernommen, nicht innerlich erkämpft worden. Aus dieser drohenden Gefahr der Erstarrung konnte es nur einen Weg geben: Fort mit allem Betrieb, tief hinein in das Wort Gottes, Neubesinnung auf das überkommene Glaubenserbe!

In einem Punkt wurde uns die Trostlosigkeit der Lage besonders fühlbar. Das war das Singen. Es war vielerorts zur „Verschönerung“ der Zusammenkünfte oder zu einer Angelegenheit des Gefühls geworden. Die „Reichslieder“ kamen diesem sentimentalen Singen nur allzusehr entgegen. Die aus der Erweckungszeit übernommenen Evangelisationslieder redeten eine Sprache, die unser Geschlecht nicht mehr recht ernst nehmen konnte; wo sie „wirkten“, da war es meist nur das Gefühl, das berauscht und betört wurde.

Einige von uns lernten auf einer Singwoche die alten Lieder lieben. Die demütige und zugleich männliche, die ehrfürchtige und zugleich grenzenlos vertrauende Haltung, der Glaubensernst, die innere Wahrhaftigkeit und nicht zuletzt der Sinn für die Gemeinde, die aus diesen Liedern sprachen, standen in schroffem Gegensatz zu den „Heilsliedern“, unter denen wir groß geworden waren. Dort: „Welch Glück ist’s, erlöst zu sein“, hier: „Nun bitten wir den heiligen Geist“; dort: „Ich hab einen herrlichen König“, hier: „Erhalt uns, Herr, bei deinem Wort“; dort: „Komm zu dem Heiland“, hier: „Er sprach zu mir: Halt dich an mich!“ Das war nicht „altes“ und „neues“ Lied, was hier gegeneinander stand, das waren zwei Welten. Und zum Erlebnis der Lieder kam das eigentliche „Singwochen-Erlebnis“. Da waren Menschen, die gehörten nicht zu einem „Bund für entschiedenes Christentum“, aber die Art, wie sie sich „unter das Lied stellten“, die aufgeschlossene, hörende Haltung, aus der heraus sie sangen, zeigte, dass ihnen das Singen Gottesdienst war. Und dieses Erlebnis war für uns ein Ruf zur Buße. Je mehr wir den Dingen nachdachten, desto klarer wurde es uns: das Singen ist ein Ansatzpunkt für eine Erneuerung von innen her. Aber was sollte man tun? Wieder bloß reden, bloß schreiben?

Im Sommer 1932 erschien in der Bundeszeitschrift „Die Jugendhilfe“ ein Aufruf zu einer Singfahrt. Das war etwas ganz Neues. Und noch seltsamer war, was dabeistand: nicht „Freizeit“, sondern Dienst – Arbeit vom Morgen bis zum Abend – die Fahrt „bietet nichts“. Manch einer wird kopfschüttelnd das Blatt aus der Hand gelegt haben. Und die den Aufruf verfasst hatten, waren selbst in Sorge, ob sich jemand melden würde. Eins aber wussten sie: wer sich auf diesen Aufruf hin meldet, den werden wir gebrauchen können. – Am festgesetzten Tage versammelten sich die acht Brüder und elf Schwestern, die zum Dienst bereit waren. Zwei Tage hatten wir zum Einsingen, dann sollte die eigentliche Fahrt beginnen. Jeden Abend wollten wir in einem andern Bund Westsachsens einen Singabend veranstalten und damit das neue Singen hineintragen in unsre Kreise. Das aber setzte voraus, dass wir von dem Neuen erfasst waren! So begann jetzt erst das eigentliche Wagnis: Ob es wohl möglich sein würde, in so kurzer Zeit zum Chor, zur Gemeinschaft zusammenzuwachsen? Ob wohl auch jeder in den zehn Tagen, die vor uns lagen, es erfassen würde, dass nicht eine „Hebung der Musikpflege“, sondern innere Erneuerung von Grund auf unser Ziel, dass die Not es war, die uns auf dieser Singfahrt zusammengeführt hatte?

– Als wir zehn Tage später unsere Fahrt beendeten, hatten wir etwas erlebt, das unsere Seelen zutiefst berührte. Das tägliche Ringen um das rechte Singen, die tägliche Morgen- und Abendfeier, die tägliche Betrachtung des Gotteswortes und die Gemeinschaft des Gebets, der allabendliche Dienst in „offener Singstunde“ und „Feierstunde“ und vor allem die Sprache, welche Wort und Weisen unserer Lieder zu uns geredet hatten – alles das hatte uns innerlich gepackt und auf einen neuen Weg gewiesen. Manch einem ist in diesen Tagen Christus größer geworden; manch einer, der vorher ohne Hoffnung die geistliche Entleerung unseres Bundeslebens mit angesehen hatte, hat in diesen Tagen neue Zuversicht gewonnen; manch einer, der sich aus dem frommen Betrieb herausgesehnt hatte, hat in diesen Tagen echte Bruderschaft des Glaubens und des Dienstes erlebt. Das Wagnis war gelungen. Gott hatte Gnade geschenkt.

Im Frühjahr 1933 folgten die zweite und dritte Fahrt im Erzgebirge, im Sommer eine in Ostpreußen, im Herbst eine im Vogtland. 1934 wehte der Singfahrt-Wimpel im Schwarzwald, eine Woche später an der Nordsee und im Oktober noch einmal in Sachsen. In Pommern kam es durch glückliche Zusammenarbeit mit dem Evangelischen Sängerbund zu mehreren Fahrten. Zwei Singwochen unter Alfred Stier bzw. Gerhard Schwarz dienten vornehmlich der Schulung von Mitarbeitern. Daneben fanden auf Tagungen Singstunden statt, die das gleiche Ziel verfolgten.

Wir dürfen es dankbaren Herzens sagen: es gibt heute eine kleine Schar in unserm Bund – nicht jeder ist dabei, der einmal auf Singfahrt war –, die ein offenes Auge bekommen hat für die Not unseres Bundes und, was noch wichtiger und beglückender ist, für die Not unserer Kirche.

Johannes Petzold

Quelle: Nun freut euch, liebe Christen g’mein! Gemeindeblatt für kirchliche Musik, 5. Jahrgang (1935) Nr. 3; Seite 11/12

 

 

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