Wir Älteren erlebten vor 30 Jahren die Singbewegung. Damals wurde das alte Kirchenlied neu entdeckt, und zwar von der singenden Jugend. Das alte Lied war „das Neue Lied“, und es bewährte sich im Kampfe der Kirche dieser Zeit.

Diese echte Bewegung, die gerade auch begonnen hatte, Eigenes zu schaffen, riss im 2. Weltkrieg ab. Sie hat ihren Niederschlag im EKG[1] gefunden, das ein besseres Gesangbuch ist als das DEG[2]. (Welche der „neuen Lieder“ des DEG möchten wir wohl heute noch singen?) Sie spiegelt sich auch wider in der besseren Literatur unserer Chöre. Aber von einer „Bewegung“ kann schon längst nicht mehr die Rede sein. Trotz im allgemeinen schnelleren Singens fehlt dem Gemeinde- und dem Chorgesang oft der innere musikalische Schwung, und die Gefühlswerte kommen zu kurz, weil Text und Musik oft unverstanden und daher unbeteiligt gesungen und gespielt werden. Weiterhin macht sich zunehmend ein Mangel an Liedern spürbar, die das auszudrücken vermögen, was uns heute als Christen bewegt.

Nun schlägt das Pendel der Entwicklung nach der anderen Seite aus. Der Rhythmus wird wieder einmal neu entdeckt, aber nicht als spannungsvolles inneres Kräftespiel, sondern im äußeren Bereich. Rhythmus, d. h. für die heutige Jugend im wesentlichen hörbarer Schlag und synkopischer Gegenschlag, beat und off-beat. Die Gefühlswerte in der Musik werden neu erlebt, aber auch hier mehr die massiveren als die feineren. Die von der Singbewegung oft so geschmähte „Romantik“ steigt durch die Hintertür wieder ein (Spiritual, frommer Schlager, geistliche Schnulze). Und in vielen Texten dieser Lieder kommt tatsächlich zu Wort und Ton, was den Menschen heute an Sorgen und Zweifeln, an Freuden und Erfahrungen bewegt, den Menschen im Glauben oder am Rande des Glaubens.

Es ist offensichtlich, dass diese „Songbewegung“ (30 Jahre nach der Singbewegung) in erster Linie Sache der Jugend ist. Mehr als jemals eine andere Generation versteht sich die heutige Jugend nahezu als eine selbständige Gesellschaftsklasse mit eigenem Klassenbewusstsein. Und im Windschatten der wachsenden Anforderungen, die die „Lern- und Leistungsgesellschaft“ an die Jugend stellt, entsteht ein Sog, der alle mühelos erfassbaren Gefühls- und Stimmungswerte an sich reißt. Deshalb die erklärte und betonte Vorliebe für gewisse Stilarten heutiger Unterhaltungsmusik. Auch der dem Glauben zugewendete junge Mensch lebt in dieser Welt und unter ihren Bedingungen. Für ihn kann es eine beglückende Sache sein, wenn es Songs, Chansons und andere neue Lieder gibt, die vom Glauben in einer Sprache sprechen (textlich und musikalisch), die er nicht erst als Fremdsprache mühsam lernen muss. Es liegt jedoch wohl in der Sache selbst begründet, dass die Begeisterung für neue geistliche Lieder bei der Jugend mehr passiv als aktiv ist. Sie hört lieber zu, als dass sie selbst singt.

Die neuen Liedversuche haben jedoch nicht nur ihre psychologischen und soziologischen, sondern auch ihre theologischen Hintergründe. Es sei hier nur hingewiesen auf das Anliegen neuer Theologie, die Kluft zwischen sakralem und profanem Bereich zu überwinden und – im Sinne eines neuen Verständnisses der Inkarnation – sich solidarisch mit der Welt zu wissen. Dass diese Solidarität Grenzen hat, die für den Christen nicht überschreitbar sind, ist freilich ebenso wahr. Aber Stilfragen sind nicht Bekenntnisfragen, und wir müssen wohl einräumen, dass sich mancherlei Glaubensaussagen auch mit dem Stilmittel derjenigen Musik verbinden können, die dem Aufnahmevermögen der „breiten Masse“ entspricht.

Was liegt nun bis jetzt vor an neuen Liedern? Wir haben eine Hochflut von Liedern, die ihre Herkunft aus dem Bereich des Spirituals, des Chansons und des Schlagers nicht verleugnen. Sie sind, wenn man sie mit den eigenen Wertmaßstäben dieser Gattung misst, von sehr unterschiedlicher Qualität. Es gibt da schwülstige, überladene Texte neben fatal-banalen, aber auch solche mit klaren wesentlichen einprägsamen Formulierungen, im musikalischen Bereich raffiniert-gekonnt Geschmackloses neben schlichter Stümperei, aber auch gut empfundene und gut gebaute Melodien, die sich mit dem Text verbinden und verbünden können (wenn sich nicht ein aufdringliches Arrangement störend dazwischenschiebt). Zunehmend begegnen wir aber auch neuen Liedern, die nicht an den eben umrissenen Stilbereich anknüpfen, sondern der Tradition und der gegenwärtigen Kunstmusik verbunden sind. Wir werden gerade auf diese Versuche sehr zu achten haben.[3] Was können wir darüber hinaus noch tun?

  1. Das alte Kirchenlied ist nicht tot! In einer ganzen Anzahl von Melodien des EKG steckt ein Leben, gerade auch in rhythmischer Hinsicht, das nur wieder einmal neu entdeckt und neu realisiert werden will, etwa mit den Mitteln der Orffschen Instrumente oder sogar mit den Mitteln eines Arrangements, aber auch schon durch ein schwungvolles einstimmiges Singen oder eine großflächigere Orgelbegleitung.
  2. Wo wir die Möglichkeit haben, mit Kindern zu singen, sollen wir sie dankbar ergreifen und ausbauen, bis ins vorschulpflichtige Alter hinein.[4] Für die Melodik vieler unserer Gesangbuchlieder können wir die Kinder leichter erwärmen als die Jugendlichen. Das Kind steht dem Erleben echter musikalischer Werte näher als der „Teenager“.
  3. Wo man uns um Mitarbeit bei der Schaffung oder dem Einrichten neuer Jugendlieder bittet oder um Mitwirkung bei Jugendgottesdiensten, sollten wir uns nicht versagen. Aber es muss eine echte Partnerschaft sein. Mit bloßem Mitmachen ist es nicht getan. Wir werden es lernen müssen, aus dem Angebot neuer wildwachsender oder gedruckter „Songs“ die besten auszuwählen. Und aus den neuen Liedversuchen schaffender Kirchenmusiker werden wir bald diejenigen herausfinden, die wirklich gemeinde- und jugendgemäß sind. Vor der Hereinnahme einzelner Songs in den agendarischen Gottesdienst ist zu warnen. Sie haben ihren Platz in den besonderen Veranstaltungen der Jugend. Ob man diese „Gottesdienste“ nennen will oder nicht, ist vielleicht belanglos. (Aus einem Referat)

Johannes Petzold
Quelle: Der Kirchenmusiker 20. Jahrgang 6. Heft November/Dezember 1969, Verlag Merseburger Berlin, S. 198/199

 

[1] EKG: Evangelisches Kirchengesangbuch, Grundausgabe 1950. Es wurde von allen Landeskirchen in Deutschland übernommen und galt bis zur Einführung des Evangelischen Gesangbuches (EG) im Jahre 1993 (Anm. CP).

[2] DEG: Deutsches Evangelisches Gesangbuch für die Schutzgebiete und das Ausland 1915. In der Zwischenkriegszeit wurde es von mehreren Landeskirchen als Stammteil ihrer Gesangbücher übernommen und war damit die Vorstufe zum ersten gesamtdeutschen und österreichischen Gesangbuch, dem Evangelischen Kirchengesangbuch von 1950. Unter den 342 Liedern des DEG ist die pietistische Tradition verhältnismäßig stark vertreten, während eine Reihe im EKG vorhandener reformatorischer Lieder sowie die Lieder der Böhmischen Brüder noch fehlen (Wikipedia; Anm. CP).

[3] Verwiesen sei z. B. auf die „Neuen Christenlieder“ von Jens Rohwer (Fidula Verlag Boppard) und auf die von Friedrich Hofmann herausgegebenen „Zeitgenössischen Kirchenlieder“ (Verlag Merseburger Berlin).

[4] Das in der Evangelischen Verlagsanstalt erschienene Liederbuch „Freude über Freude“ (das nur in der DDR lieferbar ist und sicherlich noch einmal neu aufgelegt wird) enthält viele brauchbare geistliche Kinderlieder. Dasselbe gilt für das Liederbuch „Kinderlob“, herausgegeben von Samuel und Theophil Rothenberg (Verlag Merseburger Berlin).