(Erster Teil eines Referates, gehalten bei der Arbeitstagung der hauptberuflichen Kirchenmusiker von Berlin-Brandenburg am 27. Juni 1956 im Haus des Deutschen Evangelischen Kirchentages in Berlin-Grunewald)

 „Kantorenmusik" –! Wir denken an die „alten Meister” unserer evangelischen Kirchenmusik, weniger an ihre Großmeister als an die erst heute wieder bekannt gewordenen „kleineren“ Meister der Blütezeit zwischen Johann Walter und J. S. Bach. Auf dem breiten, soliden Untergrund christlicher und musikalischer Tradition fußend, vermochten sie auch mit bescheideneren persönlichen Talenten Beträchtliches zu leisten Wir vergleichen mit stillem Neid ihre Glaubensgewissheit und ihre handwerklich-künstlerische Gestaltungssicherheit mit unserer von Zweifeln und Skrupeln angefressenen christlichen und musikalischen Existenz und fühlen uns ihnen teils über-, teils unterlegen. Wir denken auch an das weite Feld dessen, was man im Bereich heutiger Musik Kantorenmusik nennen könnte, an die sogenannte kirchliche Gebrauchsmusik und an das Naserümpfen, das dieser Begriff und die damit gemeinte Sache bei manchen Zeit- und Zunftgenossen hervorruft.

Und doch können wir der Singbewegung, die nun auch schon ein Stück Geschichte ist, gar nicht dankbar genug sein, dass sie uns gezeigt hat: Alles Singen, alles Musikmachen ist eine Angelegenheit des ganzen Menschen, nicht nur seines Gehörs, seiner Stimme, seiner Instrumentaltechnik. So wollen wir nicht fragen: Welches ist der „richtige“ Stil für unsere kirchliche Musik; wie muss ich meine Musik als Kantor betreiben (nachschaffend, improvisierend oder komponierend), damit sie stilistisch möglichst unanfechtbar ist? Sondern:
In erster Linie sind wir selbst gefragt, ob wir richtige Kantoren sind. Das ist nun freilich beinahe eine Beichtfrage, denn wer kann von sich sagen, dass er ein rechter Kantor sei? Andererseits liegt etwas Befreiendes in dieser Blickrichtung nach innen – und nach oben. Denn wenn mich diese Frage trifft, dann nimmt sie mich heraus aus allem menschlichen Eifern und Urteilen und stellt mich einzig und allein vor Gott. Macht mich der Blick auf die Menschen unsicher und schwankend oder aber doktrinär und fanatisch, so macht der Blick auf Gott mich dazu frei, ich selbst zu sein – und den andern sein zu lassen, wer er nach Gottes Willen ist. Ich weiß dann, dass ich als Kantor auch ein Diener Gottes bin, nicht Diener unmittelbar am Wort, aber „Diener am Cantus firmus". Das heißt Diener an Ton und Wort des Liedes, das heißt aber auch Diener der Gemeinde, Diener unserer Chöre. Dass dieses Dienen oft die Pflicht zur Führung einschließt, versteht sich am Rande. Von hier aus wird meine Freiheit als Musiker der Kirche deutlich: „Alles ist euer": traditioneller Stil, freie Tonalität, 12-Ton-Technik, „alles ist euer“ –; „ihr aber seid Christi", und diese Bindung als das notwendige Korrelat zur Freiheit heißt für mich als Kirchenmusiker: Bindung an das Wort, an die Liturgie im weitesten Sinne, und Bindung an den Bruder, wobei das musikalisch völlig ungeschulte und unerzogene Gemeindeglied ebenso mein Bruder ist wie der berühmte Kollege, der vielleicht eine so „tolle" Kirchenmusik schreibt, dass ich daran Anstoß nehmen möchte.

Zwei Begriffe tauchen immer wieder in unseren Überlegungen und Gesprächen um das Thema Kantorenmusik auf: Handwerk und Kunst. Meines Erachtens versteht man beide Begriffe nicht richtig, wenn man sie nur als Gegensatz sieht: hier Handwerk, da Kunst. Mancherlei Erscheinungen deuten auf ein solches Missverstehen, zum Beispiel die geringschätzige Art und Weise, in der manche Komponisten und Kritiker von „Gebrauchsmusik” sprechen oder schreiben. Aber auch das musikalische Erzeugnis selbst lässt gelegentlich Rückschlüsse zu auf eine falsche Einstellung des Tonsetzers zur Frage Handwerk oder Kunst. Bei manchem etwas ledernen, etwas langweiligen Choralsatz, der jedoch als Autor einen bekannten guten Namen nennt, kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, dass hier von hoher Warte heruntergestiegen und mal abwechslungshalber oder auftragshalber) auch etwas für kleine Leute geschrieben wurde: Handwerk, ohne den Funken Kunst, den man auch in solch kleiner Sache sucht – vielleicht auch: ohne Liebe! Und das Gegenstück: Zu manchem Tonsatz möchte man sagen: „Es ist nicht alles gut, was falsch klingt!" Solche Tarnung mangelnden handwerklichen Könnens durch Verwendung „moderner“ Kunstmittel ist oft nicht leicht zu durchschauen. Wir tun wohl am besten, wenn wir die beiden Begriffe nicht auseinanderreißen. Denn Kunst ohne handwerkliche Sicherheit der Gestaltung ist eben keine rechte Kunst.

Wichtiger aber scheint mir die umgekehrte Feststellung, dass auch das sogenannte Handwerk nicht bestehen kann ohne den erwähnten künstlerischen Funken. Das Wort „Kunst" hatte in früheren Jahrhunderten ja noch durchaus den Sinn der „Kunstfertigkeit”. Zusammensetzungen wie „Wasserkunst", „Kunstmühle” und andere deuten auf die ursprüngliche Einheit von Kunst und Technik hin; und wenn Pestalozzi von der im Kinde zu bildenden „Kunstkraft" spricht, meint er nicht die Pflege eines besonderen Kunst-Sinnes, eines künstlerischen Verständnisses, sondern ganz schlicht die handwerklichen Fähigkeiten. Jeder wirkliche Handwerksmeister muss auch ein klein wenig „Künstler“ sein. Um für einen bestimmten Raum zu bestimmtem Zweck einen Schrank zu tischlern, um für eine bestimmte Person aus einem bestimmten Stoff einen Anzug zu schneidern, bedarf es, wenn die Sache gut werden soll, einer brauchbaren „Idee", eines Einfalls: so geht's, so kann ich die Sache machen. Auch der Handwerker braucht ein bisschen Phantasie! Und was schon vom Werk der Hand gilt, das gilt erst recht von jedem geistigen Erzeugnis. Es geht nicht ohne Idee, es geht nicht ohne Einfall, auch nicht in der kirchlichen Gebrauchsmusik.

Was bedeutet das für unsere Kantorenmusik? Es heißt etwa so viel: Nimm große Aufgaben nicht zu schwer, nimm kleine Aufgaben nicht zu leicht! Denke bei großen Aufgaben daran, wieviel Handwerk selbst in der größten Kunstleistung steckt; denke aber auch beim schlichtesten zweistimmigen Satz daran, dass es nicht geht ohne ein Minimum an schöpferischem Geist, an Idee, an Einfall. Dieses Geschenk des Einfalls stellt sich oft aber erst dann ein, wenn ich mich darum bemüht habe. Es kommt dann übrigens oft aus einer ganz anderen Richtung auf mich zu. Auf jeden Fall bleibt es „Geschenk”, trotz meines Bemühens – eine Parallele zu dem paradoxen Verhältnis zwischen menschlichem Bemühen und göttlicher Gnade, wie es sich etwa widerspiegelt in dem Pauluswort: „Schaffet, dass ihr selig werdet mit Furcht und Zittern, denn Gott ist's, der da in euch wirkt beides, das Wollen und das Vollbringen“.

Es erscheint mir wichtig, zum Abschluss unserer Betrachtungen einmal dem seelisch-geistigen Vorgang nachzuspüren, der zur Lösung einer bestimmten tonsetzerischen Aufgabe führt, nehmen wir an zur Erstellung eines mehrstimmigen Choralsatzes. Wie kommt es also zum Einfall, zur „Idee", zum „Einstieg” in die Aufgabe? Wo und wie fasse ich sie an? Das erste ist: engster Kontakt mit Ton und Wort des Liedes! Es genügt nicht, dass ich mich theoretisch mit dem Cantus firmus beschäftige, ihn vielleicht analysiere nach Tonalität, linearer und harmonischer Entwicklung, nach Rhythmik und formalem Bau. Es genügt auch nicht, dass ich mir den Gedankengang, die sprachliche Gesamt- und Einzelgestaltung des Textes ansehe. Das alles ist nötig. Aber fast noch wichtiger ist es, das Lied immer wieder – innerlich singend – in Herz und Sinn zu bewegen, immer wieder liebevoll dem ganzheitlichen Wesen des Liedes in allen Strophen nachzuspüren. Zu dieser inneren Einstellung auf die „Eigenwelle" des zu bearbeitenden Liedes tritt die bewusste und positive Einstellung zum Zweck der Bearbeitung, was wiederum nicht nur ein verstandesmäßiger Akt der Registrierung ist, sondern ein innerliches Sichhinwenden zum gottesdienstlichen Geschehen, für das der Choralsatz bestimmt ist, zu den Menschen, die – mir bekannt oder unbekannt – ihn singen oder hörend miterleben sollen.

Während sich mein Denken und Fühlen mit diesen Gegebenheiten beschäftigt, tastet mein „Musiksinn", um es einmal so zu nennen, im Unbewussten bereits die Möglichkeiten ab, wie die Aufgabe zu lösen sei. Das führt dahin, dass ich plötzlich ein winziges Stück des gesuchten Tonsatzes „habe", vielleicht den Anfangstakt oder zwei Anfangstakte, vielleicht gar nicht einmal zum Text der ersten, sondern einer anderen charakteristischen Strophe; vielleicht habe ich auch plötzlich, etwa von der sprachlichen Deklamation des Textes oder seinem Inhalt her, eine zwingende rhythmische Vorstellung von der oder den Gegenstimmen zum Cantus firmus; vielleicht besteht der Einfall auch nur in einer noch unklaren Vorstellung davon, wie der Gesamtverlauf der Gegenstimme sein soll in ihrem Auf und Ab.

Wie gesagt: Dieses Suchen kann sich im Unbewussten vollziehen, sodass erst seine Ergebnisse in mein Bewusstsein treten. Ich kann aber auch nachhelfen durch bewusstes Ins-Auge-Fassen verschiedener Schemata einer Lösung, kann gewissermaßen die Modelle mir geläufiger Satztypen der Eigenform des zu bearbeitenden Liedes „anprobieren", bis ich merke, dass eines „passt“ oder passend zu machen ist. Auch bei dieser mehr auswählenden Tätigkeit muss aber einmal der Punkt eintreten, wo „der Groschen fällt", wo ich die Gewissheit gewinne: So geht's, dies ist der richtige Weg! Der Schritt vom so oder so gewonnenen Einfall zur Ausführung des Satzes ist dann nicht mehr weit. Hier dominiert das „Handwerk". Es geht in dieser Phase darum, das mit dem Einfall gewonnene Baugesetz zu erkennen und konsequent, aber nicht „stur", durchzuführen. Wo das nicht gehen will, muss ich mich um eine andere Lösung, um einen anderen Einfall bemühen. Diese handwerkliche Ausarbeitung kann jedoch, auch bei einer guten Satz-Idee, dann nicht eine überzeugende Gestaltung zeitigen, wenn der Tonsetzer nicht immer wieder still und gehorsam hineinhorcht in den Cantus firmus, in das verborgene Leben der Worte und Gedanken, und nun aber auch in den Gestaltungseinfall, der ihm geworden ist. Nur so, aus einem Ineinanderwirken von zupackendem Gestalten und Meditation, kann das Ganze organisch wachsen.

Johannes Petzold; aus: Walter Theuerkauf, Mit Herzen, Mund und Händen (Evang. Verlagsanstalt GmbH. Berlin 1962); als Typoskript und gedrucktes Doppelblatt (aus "Der Kirchenmusiker"?) vorhanden.