Verehrte, liebe Frau H…!
Sie haben einen Kirchenmusikabend mit Werken zeitgenössischer Tonsetzer erlebt und sind, wie Sie sagen, ratlos. Sie finden keinen Zugang zu dieser Musik, die Sie als fremd und unnatürlich empfinden. Und Sie stellen die ernste Frage, ob solche Musik in die Kirche gehört, ob sie Evangelium verkündigen kann. Lassen Sie mich mit dieser für uns entscheidenden Frage beginnen!

Im Aprilheft der ,,Christenlehre“ finde ich eine kurze Notiz über eine Künstlerfreizeit in Holland, auf der Werke von Pepping, Distler, Micheelsen gesungen wurden und bei den Hörern einen ,,wahren Sturm der Begeisterung“ auslösten. Ein Maler aus Den Haag habe danach geäußert, niemals habe ihn das Evangelium so unmittelbar angesprochen, wie bei dieser Musik. In Peppings Motette ,,Jesus und Nikodemus“ sei ihm das Wort Gottes förmlich ,,auf den Leib gerückt“.

Es gibt also Menschen, die diese Sprache verstehen. Wenn ihre Zahl noch gering ist, liegt das nicht zuletzt daran, dass wir verhältnismäßig selten neue Musik zu hören bekommen und dass ihre Interpreten sich oft zu wenig Gedanken darüber machen, wie sie ihre Hörer an diese Klangwelt heranführen könnten. So entsteht der Eindruck, dass es sich hier um eine musikalische Geheimsprache handelt, die dem gewöhnlichen Sterblichen immer unzugänglich bleiben wird. Aber so muss das nicht sein.

Wenn wir es mit der Kirchenmusik zu tun haben, so muss es von der Bibel, von der Liturgie, vom Kirchenlied, von der Predigt her Wege oder Brücken zu ihr hin geben. Und daran fehlt es nicht. Es wird Ihnen aufgefallen sein, dass die neue Kirchenmusik viel häufiger als die der romantischen Epoche das reine Bibelwort zum Vorwurf nimmt. Dabei durchaus nicht nur die bekannten ,,schönen“ Stellen, wie Psalm 23, sondern solch gewichtige Texte wie das Nikodemusgespräch oder Partien aus den Briefen des Paulus. Und die Musik selbst verrät bei näherem Umgang mit ihr auf Schritt und Tritt ihre Herkunft von der Liturgie, vom gregorianischen Choral und dem reformatorischen Lied.

Aber – werden Sie sagen – genügt das, um echte Kirchenmusik, wahrhaft heilige Musik, entstehen zu lassen? – In einer christlichen Zeitschrift las ich eine Betrachtung über das Wort Jesu: „Ohne mich könnt ihr nichts tun.“ Mir ging dabei der Gerichtsernst dieses Wortes auf. Was ohne Ihn getan ist, ist ein Nichts, es sei eine noch so gewaltige menschliche Leistung (1. Kor. 13!). Und das gilt auch von aller Kirchenmusik, wie es von jeder Predigt, jedem Gottesdienst gilt. Aber was nun wirklich in Christus getan ist und was nicht –, das können wir nicht entscheiden; wir können und sollen nur unser eigenes Tun prüfen.

Es ist wahr: es gibt Dichtung, Bildwerke, Musik „aus dem Glauben“, aber wir können es im Einzelfall niemals objektiv feststellen. (Man sollte deshalb nie von „erlöster“ oder „unerlöster Musik“ reden. Erlöst oder unerlöst ist immer nur der Mensch). Es führt auf Abwege, etwa Bach oder Schütz zur Norm christlicher Musik zu machen! Denn unser Glaube hat ein anderes Gesicht als der ihre. Jene ungebrochene, unangefochtene Gläubigkeit, wie sie uns dort gegenübertritt, ist heute kaum mehr zu finden. „Ich glaube, lieber Herr, hilf meinem Unglauben!“ – das ist das Gesicht unseres Glaubens. Und nun meine ich: dieses heiße Ringen um den Glauben, hart am Abgrund des Unglaubens. Ist das große Motiv unserer neuen Musik, der Kirchenmusik vornehmlich, aber auch eines Teiles der weltlichen Musik (Hindemith!). In ihr „unterhält sich“ nicht „die ewige Harmonie mit sich selbst“, wie Goethe es von Bachs Fugen sagen konnte, aber in einer wohl bisher noch nie dagewesenen Weise ringt hier das Licht mit der Finsternis; eine unbeschreiblich tröstende Macht überwindet immer wieder die Verzweiflung. Deshalb vermag diese Musik Menschen unserer Zeit anzusprechen.

Verstehen Sie mich recht: Nicht, dass ich meine, Bach hätte uns nichts zu sagen heute. Ganz im Gegenteil: Wem die Ohren aufgegangen sind für die Musik unserer Zeit, dem kann auch Bach zu einem neuen Erlebnis werden. Man kann es vielleicht so sagen: Die neue Musik ist Zeugnis und Predigt, aber Bachs Werk ist die „Offenbarung des klingenden Gesetzes“ selbst. Ich kann keinen Zufall darin sehen, dass es der Gegenwart vorbehalten blieb, Bachs letztes Werk, sein Vermächtnis: „Die Kunst der Fuge“ für das Ohr zu entdecken. Mit seiner unerbittlichen kontrapunktischen Strenge und Nüchternheit galt es zwei Jahrhunderte lang als rein theoretisches Lehrwerk, – und jetzt überwältigt uns die Erhabenheit dieses tönenden Kosmos‘.

Liebe Frau H., ich musste etwas weiter ausholen; denn es geht hier eben nicht um rein musikalische Dinge. Aber auch von dieser, der musikgeschichtlichen und theoretischen Seite her müsste ich Ihnen noch einige Hinweise geben. Die neue Musik setzt sich nämlich eben gerade nicht über die natürlichen Grundlagen aller Musik hinweg, wie Sie mit vielen anderen meinen; sie verdankt vielmehr einer Neubesinnung auf diese Schöpfungsgegebenheiten wesentliche Impulse. Die Spätromantik hatte die Harmonik so überzüchtet, dass in dem Schmelztiegel des Expressionismus erst einmal das gesamte Tonmaterial durcheinandergewürfelt werden musste. Dieser ,,atonaIe“ Stil ist längst überwunden. (Im Schaffen Hindemiths ist diese Entwicklung am besten zu beobachten.) Die Musik der letzten 15 Jahre nimmt die natürlichen Tonbeziehungen ernst, aber sie unterscheidet zwischen der Gabe der Natur und dem, was der Stilwille der Menschen geschaffen hat. Naturgeschenk ist nicht die Tonleiter, sondern die mit dem Ohr in ihren ersten Gliedern wahrnehmbare, physikalisch erforschbare und mathematisch darstellbare Obertonreihe (C-c-g-c-e-g-b). Aus ihr ableitbar sind die Tonverwandtschaften (Terzen, Quinten), diese wieder sind die Ordnungsgrundlage für alles Nacheinander und Miteinander von Tönen, d. h. für alle melodischen und harmonischen Bildungen. Unbestritten ist der Vorrang des Dur-Dreiklanges. “Möglich ist jede Tonverbindung; doch wird der Wert und der Charakter des Zusammenklangs bestimmt durch die verwandtschaftlichen Beziehungen seiner Glieder. Unsere gesamte abendländische Musik ist auf diesen Tonbeziehungen aufgebaut.“ — Diese Lehre hat Hindemith in seiner ,,Unterweisung im Tonsatz“ (Mainz 1937) dargestellt, in einer auch pädagogisch meisterhaften und von wahrer ,,Ehrfurcht vor dem Ton“ getragenen Weise.

Entscheidend für die Beurteilung der verrufenen Dissonanzen in der neuen Musik ist aber immer der Zusammenhang, in dem sie stehen. Und da ist nun eine bedeutsame Wandlung des Hörens eingetreten. Die einseitige Entwicklung des Harmonischen im 19. Jahrhundert löste eine Reaktion aus, die sich in der Rückkehr zum vitalen Rhythmus und vor allem aber zum Ethos der melodischen Linie zeigte. Zur gleichen Zeit, als der Expressionismus die romantische Harmonik zertrümmerte und seine frisch-fröhlichen oder auch frech-fragwürdigen Experimente anstellte, suchte und fand die Singbewegung vom einstimmigen, gemeinsamen Singen her einen neuen Weg. Beide Bewegungen waren Aufbruch zum gleichen Ziel: der neuen Polyphonie. Diesen Begriff wollen wir aber nicht zum Schlagwort werden lassen; er kennzeichnet nur eine Seite der neuen Musik. So kann Siegfried Borries mit gleichem Recht von einer Stilphase des ,,Vitalismus“ sprechen.

Wenn ich Ihnen zum Schluss ein paar praktische Ratschläge geben soll, dann etwa die folgenden:

Versuchen Sie, von der Idee eines Werkes her es als Ganzes zu verstehen, d. h.: Denken Sie bei einer neuen Ostermusik nicht: „Was wird nun wohl kommen?“, sondern einfach – an Ostern. Hören Sie eine Motette über ein Bibelwort mit derselben inneren Spannung, wie Sie eine Predigt oder eine Meditation über diesen Text aufnehmen würden, mitdenkend, mitschaffend. Hören Sie nach Möglichkeit ein neues Werk mehrmals an.

Versuchen Sie, nicht einzelne Akkorde, sondern Linien zu hören. Gelingt Ihnen das bis zu einem gewissen Grade, so werden auch die Zusammenklänge für Sie ein neues Gesicht bekommen; die fremdartigen werden Ihnen vertraut und die altbekannten neu erscheinen.

Und endlich: Nehmen Sie jede Gelegenheit wahr, neue Chormusik selbst mitzusingen. Das führt Sie mitten hinein in das klingende Geschehen und fordert zugleich das hörende Erfassen.

Ob ich Ihnen ein wenig weiterhelfen konnte? Es würde mich freuen.
                                                               Ihr                
                                                               Johannes Petzold.

Quelle: Junge Gemeinde 1950 Nr. 4, S. 4 - 6 (Burckhardthaus Berlin)